Und die Moral von der Geschicht‘ – Falsche Entscheidungen gibt es nicht

Es war einmal …

Oktober 2019: „Ich heiße Michaela. Für die Handvoll von Menschen, die hier mitlesen da sie mich kennen, ist diese Information überflüssig. Sie wissen das. Solltest du zufällig hier gelandet sein, lasse ich dich, von nun an, an einem Abschnitt meines Lebens teilhaben. Da finde ich es nur angemessen mich kurz vorzustellen. … Mein bisheriges Leben lässt sich als Zickzack-Lebenslauf zusammenfassen. Privat wie beruflich. Aber eigentlich ist die Zusammenfassung zu oberflächlich, Sie könnte sogar dazu motivieren mich in Schubladen stecken zu wollen. … Ich habe genau heute meinen 4. Job gekündigt, um mit meinem Freund auf Reisen zu gehen. … Dabei geht es nicht nur um das Reisen. Es geht um Zeit. … Zeit um herauszufinden wohin man gleich gehen oder fahren möchte, ganz spontan. Zeit um zu schauen wohin mein und unser Weg uns führen wird.“.

Und wenn sie nicht gestorben sind…

November 2020.

Erstes Fazit: Ich schaue wohin MEIN Weg mich führen wird.

Ende 2019 startete ich meinen ersten eigenen Blog. Ich nannte ihn „Lebenslinie“. Wer mich bereits kennt und meinen aktuellen Blog liest, hat vermutlich ebenso die Geburt und Entwicklung meiner „Lebenslinie“ verfolgt. Heute wage ich ein erstes Resümee. Nicht zum Blog, sondern zu meiner beruflichen Auszeit, meinem Ausstieg auf Zeit. Im Grunde geht es um die Frage, ob ich irgend etwas bereue. Ob – und in wie fern – mich dieses Jahr prägte, vielleicht sogar verändert hat? Was habe ich daraus gelernt?

Welch eine himmlische Empfindung ist es, seinem Herzen zu folgen.

Johann Wolfgang von Goethe
Märchenwald im Florapark

Worst- & Best-Case-Szenario

Ich halte mich in keiner Weise für einen unvernünftigen Menschen. Der liebe Gott hat mich sogar mit einem durchschnittlich funktionierenden Gehirn ausgestattet. In der Regel bin ich sehr überlegt, besonnen und reflektiert. Und das Wichtigste: Ich habe keine Angst vor (vermeintlichen) Fehlentscheidungen. Wenn manche Menschen um mich herum am lautesten schreien „DU BIST DOCH VERRÜCKT“, dann fühle ich mich auf einem guten Weg. Das klingt verrückt, ist es wahrscheinlich auch, aber ich wollte mich noch nie in irgendwelche gesellschaftlichen Normen zwängen lassen, allgemein akzeptierte Regeln hinterfrage ich unglaublich gerne. Und – das ist ebenso das Wichtigste – ich lebe nicht für „die Anderen“.

Mit diesen Grundmerkmalen ausgestattet habe ich mir, im Laufe der letzten Jahre, eine Taktik angeeignet, die mir hilft ver-rückte Entscheidungen zu treffen und für mich zu rechtfertigen. Ich stelle mir zwei Fragen:

  • Was ist das Schlimmste, das passieren könnte?
  • Wie sähe das Best-Case-Szenario aus?

Diese Technik beherrsche ich in Perfektion. Treffe ich mich zum Beispiel nach der Arbeit mit einem guten Freund und wir stellen spontan fest, wie lecker das Bier heute schmeckt. Der durchschnittlich vernünftige Mensch – so auch ich – denkt natürlich: „Wir dürfen es nicht übertreiben, morgen müssen wir doch wieder fit und pünktlich im Büro sitzen“. Gleichzeitig erkenne ich wie unfassbar toll sich dieser Abend – genau JETZT – anfühlt. Warum also abbrechen?

  • Was wird schlimmstenfalls passieren? > Ich bin morgen müde, wahrscheinlich nicht ganz so produktiv wie es von mir erwartet wird
  • Und was ist das Schönste an meiner Entscheidung unvernünftig zu sein? > Ein guter Freund und ich erleben einen wunderbaren Abend zusammen. Und ich werde morgen müde sein und wissen wovon. Das wird mich zum Lächeln bringen und ich freue mich bereits auf den nächsten tollen Abend. Und nach einem wenig produktiven Tag gehe ich müde, glücklich und etwas früher als sonst, ins Bett

Mit der gleichen Taktik bin ich an die Entscheidung herangegangen, ob ich mein festes Angestelltenverhältnis kündigen soll, mit und für einen Mann, der mir diese Möglichkeit bietet – und natürlich für mich. Mir war immer bewusst (Worst-Case-Szenario), dass ich mit dieser Entscheidung voll auf die Nase fallen kann. Ich wusste, dass Beziehungen scheitern, ich wusste ebenso, dass ich nicht einschätzen kann, wie ich mich fühlen werde, in Frankreich, Italien oder Hippenindien sitzend – und meine Liebsten sind nicht bei mir. Genauso wenig wusste ich, wie es sich anfühlen wird nicht arbeiten zu müssen. Kann ich es genießen? Ich war mir all dieser (vermeintlichen) Unsicherheiten und Risiken bewusst. Dem habe ich wieder das Best-Case-Szenario entgegengesetzt: Ich werde ein Jahr lang raus sein aus dem Hamsterrrad. Und ich werde daraus etwas machen und mitnehmen. Diese Zeit wird mir nichts und niemand nehmen können. Und ich werde mir nicht, den Rest meines Lebens, vorwerfen, dass ich es nicht wenigstens versucht habe.

Kaffee in Rom

Fazit 2 – Ich brauche nicht viel

Monatelang habe ich auf kleinstem Raum, in einem Wohnmobil gelebt. Das war größtenteils großartig. Ich hatte unfassbar wenig zu putzen und zu spülen. Denn es waren nur wenige Quadratmeter zu pflegen und Platz für viel Geschirr hat man nicht. Ich habe keine 30 Minuten gebraucht um mir ein tolles Outfit auszusuchen. In der Regel war ich in 2,5 Minuten angezogen und hatte sowieso immer das gleiche an. Wäsche zu waschen entpuppte sich als überbewertet, denn sie lässt sich auch wunderbar an der frischen Luft auffrischen. Mein einziges Must-Have ist eine Kaffeezubereitungsmöglichkeit. Das muss keine Kaffeemaschine sein. Ich brauche nur ein Gefäß, einen Filter, Kaffeepulver und heißes Wasser. Und eine regelmäßige Dusche ist mir sehr wichtig. Letzteres war im Wohnmobil tatsächlich ein kleines Problem für mich. Davon abgesehen hat es mir an nichts gemangelt. Im Gegenteil, ich hatte immer noch das Gefühl, dass ich viel zu viel eingepackt habe. So geht es mir nach wie vor in meiner Wohnung. Sie ist mir viel zu groß, ich besitze viel zu viel Kram, den ich gar nicht brauche. Alle paar Wochen miste ich aus und sortiere gnadenlos aus. Und immer noch habe ich viel zu viel. Und ich hasse es zu putzen.

Was ich wirklich – neben meinem morgendlichen bis nachmittaglichen Kaffee – brauche: Ich brauche meine Lieblingsmenschen um mich herum, ich brauche Menschen, mit denen ich reden kann… Auf dieser Ebene habe ich unfassbar gelitten. Meine Reisebegleitung entpuppte sich als kommunikativ eingeschränkt und meine Kinder, meine Freunde, selbst meine Kollegen fehlten mir. Ich bin ein Rudelmensch… Und ein Rudel sollte aus mehr als zwei Personen (eine davon bin ich) bestehen. Heute schreibe ich meinen Blog aus Spaß am Schreiben, als Möglichkeit mir die Seele frei zu schreiben. In der Zeit des Reisens wäre ich ohne das Schreiben und dadurch entstandene Kontakte und Unterhaltungen kaputt gegangen. Bereits nach wenigen Wochen wusste ich, dass diese Form des SEINS, bzw. des nur zu zweit seins, absolut nichts für mich ist.

Heimathafen Düsseldorf

Fazit 3: Wer braucht die Welt, wenn er ein Zuhause hat?

Ich hatte immer Fernweh… Schon als Kind wollte ich immer raus, weg, Menschen, Länder und Kulturen kennenlernen. Das will ich auch nach wie vor, doch in erster Linie brauche ich meine Basis, mein Zuhause. Und mit Zuhause meine ich nicht meine Wohnung. Damit meine ich mein Leben und meine Liebsten. Nie wieder werde ich den Wunsch haben für lange Zeit von euch fortzugehen.

Fazit 3.1: Ich bin ein Straßenkind. Ich muss raus, an die frische Luft. Und unter Leute. Mir ist fast egal bei welchem Wetter. Sogar das Frieren, wenn es draußen zu kalt wird, kann ich genießen. Ich habe keine Lieblingsjahreszeit. Jedes Wetter kann ich genießen, alles hat Vor- und Nachteile.

Fazit 4: Zeit ist relativ

Das ist tatsächlich eine meiner wichtigsten Erkenntnisse, die ich aus meiner Auszeit gewonnen habe. Ende letzten Jahres wurde ich krank geschrieben. Diagnose „Akute seelische Erschöpfung“. Ich werde niemals vergessen wie es sich anfühlte, als mein Arzt mir die Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung in die Hand drückte. Er überreichte sie mir mit den Worten „Frau W., jetzt reicht es. Ich nehme Sie für vier Wochen raus.“. Das waren mehr als zwei Drittel meines gesamten Jahresurlaubs. Ich war fassungslos. Ich hatte noch nie vier Wochen am Stück nicht gearbeitet.

Nun blicke ich auf elf Monate Auszeit zurück… Ein Jahr hat 52,143 Wochen. Also habe ich bereits seit 47,798 Wochen frei. Das sind 334,586 Tage, gerundet: 335 Tage frei. Entschuldigt den kleinen Exkurs, aber ich bin Kauffrau und jongliere gerne mit Zahlen. Ich finde Zahlen machen so vieles greifbar. Kommen wir aber zur Relativität, dann stelle ich fest, dass 335 Tage fast nichts sind. Die Zeit verging wie im Flug.

Ich brauchte ein gutes halbes Jahr um in einen Modus der absoluten Entspannung zu kommen. In Arbeitswochen gerechnet (wir gehen von einem 9/5 Job aus) hätte ich entsprechend 130 Urlaubstage einreichen und genehmigt bekommen müssen, um in diese Erholungsphase zu kommen. Insofern werde ich in Zukunft nur noch sehr laut Lachen, wenn wir jemand weismachen will, dass ein zweiwöchiger Urlaub der Erholung dienen würde. Was ich daraus schlussfolgere ist:

Fazit 5: Lebe als hättest du immer Urlaub

Ich bin mittlerweile felsenfest davon überzeugt, dass ich mir Urlaubsoasen in den Alltag einbauen muss. Bewusst abschalten und für kleine Tapetenwechsel sorgen. Nicht nur für die Arbeit leben, sondern arbeiten gehen um das Leben genießen zu können. Und auf gar keinen Fall wieder so arbeiten, dass du krank wirst.

Fazit 6: Ich glaube immer noch an die Liebe

Ja, ich wurde wieder enttäuscht. Ja, ich habe wieder einmal Dinge nicht vorab gesehen, die ich vielleicht hätte sehen müssen. Und ja, mir wurde mein Herz erneut gebrochen.

Anfang Juli, knapp drei Monate nach der Trennung, habe ich folgendes bei Facebook gepostet:

„Ich habe gerade eine Erleuchtung…. Seit über 30 Jahren schaue ich Filme die mir weismachen, dass es zum Happy End führt wenn eine Meerjungfrau für einen dahergelaufenen Prinzen – den sie natürlich nach der ersten zweiminütigen Begegnung liebt – zum Mensch wird… oder eine wunderschöne und kluge Frau sich in ein Biest verliebt…. Kein Wunder, dass ich so bekloppt bin…Ich werde Walt Disney verklagen und appelliere an alle Eltern: „lasst eure Töchter sowas nicht schauen!“

Heute fühle ich mich etwas weicher, ich bin wieder romantischer und hoffnungsvoller gestimmt. Das Wichtigste: Ich habe meine emotionale Mauer eingerissen. Ob mir das Herz erneut gebrochen wird? Das kann passieren. Aber in diesem Fall wäre mein Worst-Case-Szenario, dass ich der Liebe erst gar keine Chance mehr geben würde. Das ist absolut keine Option. Ich habe gelernt, dass es sich lohnt mutig zu sein. Denn wenn ich das nicht mehr bin, ganz gleich ob im beruflichen oder privaten Bereich, dann würde ich mich vieler (Entwicklungs-)Chancen und wunderschöner Erfahrungen berauben. Und ich würde mich selber aufgeben. Ich bin übrigens wieder großer Walt-Disney-Fan und ich liebe „Arielle, die Meerjungfrau“, „Die Schöne und das Biest“ und „Robin Hood“ (der alte Walt-Disney-Klassiker von 1973).

Fazit 7: Ich bin konsequent inkonsequent

Ich muss über mich selber lachen, wenn ich daran denke, was ich mir alles vorgenommen habe… Es fühlte sich ein paar Wochen wunderbar an in Italien Italienisch zu lernen. Nach wenigen Tagen konnte ich erste Sätze sprechen und verstehen. Jedoch brauchte ich wenige Wochen später Französisch. Also wurde diese Sprache aufgefrischt. Ob ich nach 4 Wochen Italien und drei Wochen Frankreich weiterhin Sprachen studierte. Nein.

Ich kam mir vor wie eine himmlische Pianistin, habe die Massen bereits applaudieren hören, während ich Yiruma’s „River flows in you“ im Alleingang einstudierte. Das war toll zu beobachten, wie schnell ich lerne. Zumindest 1 – 2/3 des Liedes. Es erfüllte mich eine zeitlang wirklich sehr. Ob ich heute noch ein Keybord besitze und konsequent weiterübe? Nein. Und nein.

Fazit 7.1 Es ist grossartig weiterhin Ziele und Wünsche zu haben

Fazit 7.2 Ich bin meinen vorherigen Leidenschaften treu geblieben

Und die Moral von der Geschicht‘

Wenn ich mein Leben noch einmal Leben könnte, würde ich die gleichen Fehler machen. Aber ein bisschen früher, damit ich mehr davon habe.

Marlene Dietrich

Nicht den Tod sollte man fürchten, sondern dass man nie beginnen wird, zu leben.

Marcus Aurelius

Ich werde weiterhin, mit viel Herz und Leidenschaft, Entscheidungen treffen, die Andere nicht nachvollziehen können. Wenn ich hinfalle, stehe ich – noch gestärkter – wieder auf. Und ich werde mein Leben nicht verschwenden.

Michaela W. aus D.

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