Ansteckend

Prolog

In letzter Zeit fühle ich mich immer wieder in meine Kindheit zurück katapultiert. Ich bin wieder sechs Jahre alt und sitze seit ewigen Zeiten im Auto auf der Rückbank. Natürlich nicht angeschnallt, damals war das noch so. Meine drei Jahre jüngere Schwester sitzt links von mir. Papa fährt, Mama hält die Zügel in der Hand. Damals hasste ich Autofahren, mir wurde immer schlecht. Ich konnte nichts lesen, weil dadurch die Übelkeit nur noch schlimmer wurde. Ich konnte nur rausschauen, in die Ferne blicken und mir vor Augen halten, dass die Autofahrt auch irgendwann überstanden ist.

„Wann sind wir denn da?“. „Bald!“.

„Wie lange fahren wir denn noch?“. „Nicht mehr lange“.

Schon als Kind habe ich schnell begriffen, dass Mamas Antworten ein Hinhalten bedeuteten. Denn gefühlt „ewig“ ist nicht bald.

„Uns stehen noch ein paar harte Wochen bevor“, sagt mir Mama Merkel heute. Und Onkel Spahn schielt immer weniger souverän durch seine viel zu dicken Brillengläser. Verbrüdert väterlich erzählt Stiefvater Laschet mir was ähnliches und Onkel Doktor sagt, ich muss keine Angst haben, der kleine Piecks wird nicht wehtun. Nachdem ich das alles bereits seit über einem Jahr höre, fühle ich mich auch heute, mit fast 40 verarscht und für dumm verkauft. Ungeduldig. Mehr und mehr trotzig. Wie ein Pubertier, dass keine Lust mehr hat auf die Erwachsenen zu hören, die von meiner Welt eh keinen Plan haben.

Hamsterrad 4.0

Düsseldorf Rheinturm – Foto Michaela W. aus D.

Vor vielen Monden kündigte ich meinen Job um dem „Hamsterrad“ zu entfliehen. Heute finde ich mich in dem übelsten Hamsterrad wieder, das ich jemals erlebt habe. Und mitunter ist es mein heutiger Job, der mich zu retten scheint. Ich liebe das Foto vom Rheinturm, ich liebe schwarz-weiß Fotografie. Aber dieses Bild verdeutlicht für mich, auf fast mystische Weise, in welcher grauen Suppe ich heute zu stecken scheine. Jeder Tag fühlt sich gleich an. Kaum erwähnenswerte Nuancen sind erkennbar – mal gehe ich arbeiten oder einkaufen, oder eben nicht. Ansonsten Hamsterrad 4.0. Menschen, die mir heute sagen ihnen würde nichts fehlen, sind mir mehr als unheimlich. Oder sie sind ein Meister in Verdrängung.

Mittlerweile weiss ich nicht mehr, was besser ist: Verarbeiten oder Verdrängen? Hoffen oder Resignieren? Kopf ein- oder ausschalten? Sich in den wenigen Dingen, die noch geblieben sind verlieren? Oder kämpfen?

Langmut

Langmut ist ein Begriff, den ich erst vor wenigen Tagen kennengelernt habe. Ich mag dieses Wort. Es kann synonym für Geduld genutzt werden. Und ich habe verstanden, dass ich noch lange mutig sein muss.

Geretteter Frühlingsgruß – Foto Michaela W. aus D.

Ansteckend ist – wenn du trotzdem lächelst!*

Eine Freundin schenkte mir vor ein paar Wochen die Gänseblümchen. Sie überreichte mir die blumige Schönheit mit den Worten „ein kleiner Frühlingsgruß von mir für dich“… Das war eine so liebe Geste und ich freute mich sehr darüber. Kaum Zuhause angekommen ließ mein Lichtblick die Köpfe hängen. Und ich verstand nicht warum. Ich kümmerte mich doch um die Pflanze. Tage später war ich kurz davor den Pott wegzuschmeißen. Die hängenden Blüten stimmten mich traurig. Dann ging mir auf, dass die Pflanze nach draußen gehört, an die frische Luft. Seither geht es ihr gut.

Liebe Bundesregierung, ich bin nichts anderes. Eine Pflanze, die eingeht wenn man ihr nimmt, was sie braucht. Und ich bin sicher, dass ich damit nicht alleine bin. Wenn ihr es nicht hinbekommt euch um mich zu kümmern, dann könnt ihr mich bald wegschmeißen.

*In diesem Sinne: Bleibt langmütig.

Eure Michaela, die auch wieder zuversichtlichere Texte schreiben wird

Corona-Haar beim Frisör gelassen – Foto Michaela W. aus D.

PS. nach ewigen Zeiten war ich endlich nochmal beim Frisör. Es fühlte sich befreiend an. Wenn Ballast loswerden nur so einfach wäre, wie seine Haare zu lassen.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s