Friendly Fire

Prolog

Dieser Moment zwischen Bewusstsein und Schlaf, ein flüchtiger, kaum merkbarer Moment, der mich behutsam wach werden lässt. Diese Sekunden gehören zu meiner Lieblingszeit. Ich erlebe sie nur am Wochenende, wenn mich meine innere Uhr sanft und nicht der Wecker scheppernd aus meinem Schlaf holt. Es ist ein unschuldiger, manchmal regelrecht liebkosender Moment. Wenn meine Gedanken noch nicht wach sind. Wenige Sekunden der absoluten Ruhe.

Ich erkenne, dass mein Kaffeeverlangen stärker wird als der Wunsch, nicht aus der warmen Höhle zu entkommen. So stehe ich auf. Immer noch im Halbschlaf, immer noch bei mir.

Ein routinierter Griff zum Handy. Vermeintlich um die Uhrzeit zu checken, aber eigentlich will ich nur sehen, was ich verpasst habe. Wer hat geschrieben? Und noch wichtiger: Wer nicht.

Mein Handy weiß nicht nur wann ich wo war, es merkt auch, dass ich wach bin, mein Handy in die Hand genommen habe. Ich habe aufgehört mir Gedanken über diesen gruseligen Fakt zu machen und nehme stillschweigend, fast unbewusst zur Kenntnis, dass die ersten Push-Up-Nachrichten eingehen.

Und schon blicke ich nur noch zurück auf wenige Sekunden der absoluten Ruhe.

Düsseldorf Unterbilk – Fotos: Michaela W. aus D.

Giftspritze

Ich glaube fast jedem von uns wird zur Zeit eine Menge genommen.

Noch vor wenigen Tagen verpackte ein Freund in mir sehr nahegehende Worte, wie sehr es ihm fehle Musik zu machen. Er singt, musiziert, schreibt Texte und lebt von den Proben und Auftritten mit seinen Jungs. Nicht im finanziellen Sinne. Er lebt einfach für seine Musik. Und ein Teil von ihm scheint aktuell zu sterben.

Eine unglaublich positive und starke, ebenso humorvolle Freundin von mir steht – genau wie ich – manchmal kurz davor sich selbst zu verlieren.

Immer häufiger ertappe ich mich dabei, dass ich mich mehr auf das Negative als auf das Positive in meinem Leben konzentriere. Das ist wider meiner Natur.

Kennt ihr diese Momente wenn ihr mit jemandem diskutiert, streitet, die Person verurteilt? Und die Person ist gar nicht da? Ich schaffe das. Neuerdings. Gedanklich. Gott sei Dank ist mir das vor einigen Tagen bewusst geworden. Wie viele Giftspritzen ich gegen andere und zuletzt immer auch gegen mich verteile. Friendly Fire nennt man das zu Kriegszeiten. Dann wird geschossen. Ausversehen (?) gegen Menschen, die eigentlich auf meiner Seite sind.

Der Tag, als ich von einer Wildgans lernte

Ich zitiere aus Wikipedia (Artikel „Eigenbeschuss – Friendly Fire“): „Ursachen für Eigenbeschuss sind oft eine unzureichende Identifizierung des Ziels aufgrund schlechter Sichtbedingungen (wie Dunkelheit), Kommunikationsprobleme, technisches oder menschliches Versagen.“

Zu „menschlichen Versagen“ finde ich: „Als menschlichen Fehler bezeichnet man Fehler, die ein Mensch durch sein Handeln bzw. Nichthandeln oder durch seinen körperlich-geistigen Zustand zu verantworten hat. Fehlverhalten kann sowohl wissentlich als auch unwissentlich begangen werden. Das Gegenstück zu menschlichen Fehlern ist der technische Defekt.“

Dem ist im Grunde nichts hinzuzufügen. Ich bin / wir sind doch keine Maschine. Dennoch möchte ich mich für jede Giftspritze entschuldigen, die ich bewusst oder unbewusst, direkt oder gedanklich verteilt habe. Gegen Dich oder gegen mich selber.

Vor wenigen Tagen ging ich in meiner Mittagspause spazieren, meine obligatorische Runde um den Block. Die Düssel fließt vor der Bürotüre entlang und ich laufe am Wasser entlang. Auf einem Baumstamm, der bei einem der letzten Stürme über den Bach gestürzt sein muss, beobachte ich eine stolze Wildgans, die mich fixiert. Ich zücke meine Handykamera, was ich so oft tue, wenn ich spüre, dass ich etwas festhalten will. Manchmal weiß ich im ersten Moment noch gar nicht, was das genau ist.

Innere Mitte – Foto: Michaela W. aus D., die der Wildgans dankt

9 Kommentare

  1. Wie immer wahre Worte.
    Und ich denke da gibt es viele gerade die sich hier wiederfinden.
    Aber mit guten Freunden gibt es auch immer wieder diese besonderen Momente die soooo gut tun.

    Gefällt 1 Person

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