WolkenFront

Prolog

Ich beobachte ein kleines Mädchen, das mit ihrer Familie am gleichen Gate auf das Boarding wartet, wie ich. Die Kleine sieht zuckersüß aus, natürlich mit ihrem eigenen Rucksack bestückt und die Sonnenbrille für ihren großen Auftritt in Italien testend. Gleichzeitig ist sie anstrengend, denn sie flippt fast aus. Ich bin unsicher ob sie einfach nur einen Schokoladentrip fährt oder aufgeregt ist, wie ich es bin. Voller Neugierde und meiner Kamera im Gepäck warte ich, genau wie das kleine Mädchen, auf meinen Flug nach Rom. Dies ist nun 18 Monate her und ich erinnere mich an jeden Augenblick. Neugierde schärft die Sinne.

Viel mehr als meine Kamera hatte ich tatsächlich nicht dabei. Ich reiste nur mit einer Handtasche.

Wenn ich neue Länder, Städte oder Menschen kennenlerne bin ich vollkommen unbefangen und offen. Alles Neue ist spannend, wahnsinnig interessant und durch meine unvoreingenommene Sicht auf die Dinge und die Menschen versetzt mich alles in Verzückung. Jeden Schritt gehe ich bewusst, jeder Moment und jeder Eindruck wird intensiv aufgenommen.

Als Tourist bin ich nur zu Gast und schaue mit einem ganz anderen Blick auf meine besuchte Welt. Ich betrachte alles von Außen, weder wertend noch mit einer Erwartungshaltung verbunden.

Düsseldorf Hafen – dieses und alle folgenden Fotos sind von mir – Michaela W. aus D.

Wolken

Die Touristen Zuhause sind manchmal zu komisch. Wie die Lemminge stehen sie an den gleichen Stellen und fotografieren die typischen Motive. Und ich Bekloppte stehe, innerlich über mich selbst lachend, daneben und fotografiere mit. Düsseldorf ist einfach zu schön. Ich kann mich nicht sattsehen am Rhein mit Blick auf Niederkassel, Oberkassel oder Heerdt, am Hafengelände und am Rheinturm, der – egal von wo aus ich ihn erblicke – Glücks- und Heimatgefühle in mir auslöst. Mein Anker.

Wahrscheinlich habe ich es meiner Freude an Fotografie zu verdanken, dass ich auch in bekannten Gefilden immer wieder neu und vollkommen gierig nach spannenden, schönen und verzaubernden Motiven bin. Und selbst wenn sich die Motive wiederholen, kann die gleiche Perspektive hundertfach anders aussehen. Die letzten Tage wurden jeden Abend durch einen fantastischen Sonnenuntergang gekrönt, die Wolken haben dies nicht getrübt. Im Gegenteil, sie waren das Salz in der Suppe.

Fronten

Neben meiner Kamera habe ich noch etwas nach Rom getragen. Mein kleines Deutsch-Italienisch Wörterbuch. Ich möchte mich abgrenzen von dieser Art Touristen, die stur erwarten, ohne einen Brocken Italienisch mit anderen ins Gespräch zu kommen und ihr „grande cerveza, por favor“ beim italienischen Köbes bestellen. Und geselle mich lieber zu der Art Touristen, die wie doof mit ihrer Kamera und Wörterbuch beschäftigt sind, aufgrund ihrer Kameranase peinlich aussehen, jedoch wenigstens keine Römersandalen tragen und mit ein paar Leuten ins Gespräch kommen.

Zuhause gelingt es mir auch sehr gut in Gespräche mit anderen Personen zu kommen. Hier brauche ich kein Wörterbuch. Oder irgendwie doch?

Die letzten Tage ist mir aufgefallen, dass ich Menschen gegenüber, die mir besonders nahe stehen, manchmal mit einer gewissen Erwartungshaltung entgegengehe. Ich bin nicht nur einmal in eine Diskussion geraten, die nicht nur sachlich war. Ich ertappte mich dabei, wie wichtig es mir manchmal ist, dass die andere, mir nahestehende Person, meiner Meinung ist.

Und nun frage ich mich woran das liegt.

Warum kann ich manchmal nicht akzeptieren, dass der/die Andere eine eigene Meinung und Gründe für diese Meinung hat? Und warum ging es dem Diskussionspartner ebenso? Warum verliert man manchmal diesen ersten neugierigen, offenen und unvoreingenommenen Blick auf den anderen? Und warum erst, wenn man sich besonders nahe kommt?

Wie zwei frisch Verliebte, die am Anfang alles spannend und toll, sich gegenseitig attraktiv finden. Irgendwann wird dann die rosarote Brille abgelegt. Unterschiedliche Meinungen und Ansichten rücken in den Vordergrund. Was man gestern noch neugierig aufgesaugt hat, will man heute nicht mehr akzeptieren. Geschweige denn verstehen.

Ist das die Kunst im Leben und im Umgang mit seinen Liebsten? Möglichst offen und neugierig zu bleiben? Und immer ein Wörterbuch für die Sprache des Anderen bei sich zu tragen? Und dem Gegenüber die Übersetzung für sich selbst zu bieten?

Sind die Wolkenfronten manchmal das Salz in der Suppe?

Bleibt offen und neugierig …

Michaela

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