Der Ring

„Oma, Du bist völlig oldschool!“

Ich muss lachen und freue mich insgeheim über Leas Worte. In ihrer Welt sind Begriffe wie „oldschool“ ausgestorben und nur mir zuliebe lässt sie sich zwischendurch auf meinen Wortschatz ein. Oder um mir auf liebevoll neckische Art zu demonstrieren, für wie ur-alt sie mich hält.

Sie greift nach ihren Schuhen und lässt sich auf die Truhe im Flur plumpsen. Ich kann mich noch genau an den Tag erinnern, als ich die Holztruhe auf dem Trödelmarkt entdeckte. Vor über zehn Jahren kaufte ich passende Kissen, die noch heute auf dem Deckel liegen. Seither lieben wir es, dort zu sitzen. Früher war es mein Samstagsritual auf den Flohmarkt zu gehen.

„Flohmarkt“. Noch so ein Begriff, mit dem Lea nichts anfangen kann, außer, dass er sie zum Lachen bringt. Floh – Markt. Als sie noch klein war wollte sie wissen, was das ist und warum wir es so nannten. Sie stellte schon immer gute Fragen. Und bis heute konnte ich sie nicht davon überzeugen, dass wir nicht wie Flöhe über einen Markt hüpften.

Nur wenige Zentimeter weiter links und Lea wäre auf dem Boden gelandet. Nun gerät sie – kaum merkbar – ins Wanken. Ich lache wieder, denn in solchen Momenten erinnert ihre Tollpatschigkeit mich an ihre Mutter.

„Oma, nur noch ein Tag, dann …? „. Ich spiele unser Spiel mit und rufe „Hoch die Hände!“ – „Woch-en-en-de!“ beendet sie unser Ritual. Wir lachen.

„Lies dir heute nochmal durch, was du dir zusammengefasst hast. Und…“ – „Leg es dir vor dem Einschlafen unter dein Kissen“, beendet sie meinen Satz. In dieser Sekunde könnte ich sie knutschen.

„Bist du aufgeregt?“, frage ich sie. Sie zuckt nur kurz mit den Schultern. Ihr Blick ist auf die Wand gegenüber der Truhe fixiert.

„Hatte Mama auch Prüfungsangst?“. „Ja, sehr. Und für mich als Mutter war es schwierig auszuhalten, dass sie sich selbst zu wenig zutraute. Sie meinte immer, sie würde es nicht schaffen.“ Lea schreibt morgen ihre Abiturprüfung. Und sie hat nicht nur die Tollpatschigkeit ihrer Mutter übernommen. Ich würde sie jetzt so gerne in den Arm nehmen.

Ich kenne diesen Blick nur zu gut und harre der Fragen, die nun kommen.

„Warst du deshalb wirklich im Gefängnis?“. Sie fixiert immer noch die Wand gegenüber der Truhe. Meine Fotocollage hat es ihr schon immer angetan. Seit fast 20 Jahren habe ich nichts daran geändert. Heute könnte es auch eine Museumswand sein. Mit historischen Aufnahmen aus einer anderen Zeit. „Ja, das war ich. Aber Gott sei Dank nicht lange. Damals wurden Verstöße noch nicht so hart bestraft.“

„Ich verstehe nicht, warum ihr euch nicht an die Regeln gehalten habt!“. Sie betrachtet das Foto von meinem 40. Geburtstag. Es zeigt mich mit meinen Freunden und ihrer Mutter, wie wir alle mit einem Bier in der Hand, ausgelassen, fröhlich lachend und eng beieinander zusammenstehen. Ich gehe auf ihre Aussage nicht näher ein. Sie würde es nicht verstehen. Noch heute höre ich sie sagen „Das schlimmste ist, dass deine Freundin dich umarmt. Selber Schuld, ehrlich gesagt.“ Das hat sie mir kurz nach ihrer Einschulung gesagt, auch auf dieser Truhe sitzend. Noch vor den Kissen.

„Gibst du deiner Mama später einen Kuss von mir?“. Sie nickt. Und ich weiß, dass sie das nicht tun wird.

„Gibst du Opa einen Kuss von mir?“. „Versprochen!“.

Leas Blick wandert zu meinem Ring. Sie weiß, was dieser Ring bedeutet. Und wieder harre ich der Fragen, die da kommen.

„Ob ich auch mal aus Liebe heiraten kann?“.

Ich muss schlucken und sehr tief einatmen. Nur selten fehlen mir die Worte.

„Es gibt wieder eine neue Theorie. Von… Wie heißt der noch mal?“ Ich habe aufgehört mir die unzähligen Namen der Allwissenden zu merken, daher zucke ich nur kurz mit den Schultern. Lea übergeht die Sekunde meiner Unwissenheit und redet weiter. „Auf jeden Fall hat dieser … Typ … erklärt, dass es etwas mit einem neu entdeckten Hormon zu tun hat.“ Seit 2020 herrscht Uneinigkeit unter den Wissenschaftlern, woran es liegen kann, dass langjährige Paare sich in der Regel nicht gegenseitig infizieren. Eine bis heute nicht erklärbare Logik.

Sie steht auf und bewegt sich langsam auf die Türe zu. Früher war ich dankbar, dass meine Schwiegermutter sich um meine Tochter kümmerte wenn ich arbeiten musste. Heute erfüllt mich Dankbarkeit weil ich Zeit für Lea habe. Zumindest mehr als für ihre Mutter früher.

Ihr Blick wirkt immer noch nachdenklich.

„Lea, früher haben Menschen auch aus einer Sicherheit heraus geheiratet. Damals war es lediglich eine andere Form der Sicherheit.“ „Ich weiß, Oma. Ich rufe dich morgen an, wenn die Prüfung vorbei ist, okay?“ „Ja, bitte! Du schaffst das!“

Sie läuft los. Nur wenige Sekunden später sehe ich sie schon nicht mehr. Aber ich höre ihre Schritte und Wehmut überkommt mich. „Fühl dich gedrückt, mein Schatz!“ rufe ich ihr noch hinterher. „Bleib gesund!“ hallt es durch den Hausflur.

7 Kommentare

      1. Liebe Michaela,
        sorry, dass ich so kurz angebunden war, aber ich habe den Blog übers handy gelesen und das Kommunizieren fällt mir über dieses Medium äußerst schwer. 😎
        Aber dein erster (?) Versuch, eine Kurzgeschichte zu schreiben, gefiel mir absolut! Daher jetzt nochmal ausführlich —> ein dickes Kompliment! 🙂
        Das könnte zudem ein Anfang einer spannenden Geschichte werden…………..
        Viele Grüße Bea

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      2. Liebe Bea, vielen Dank für das ausführliche Feedback. Ich habe vor einem Jahr mal versucht eine Kurzgeschichte zu schreiben. Aber diese nie veröffentlicht.
        Danke für die Motivation es erneut zu versuchen. Und auf diesen Teil aufzubauen und weitere zu schreiben, ist eine tolle Anregung. Lieben Dank;)
        Viele Grüße Michaela

        Gefällt 1 Person

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