(Un)Sicherheit

Das Leben

Mein Opa ist vor ein paar Wochen verstorben. Seither überschlugen sich die Ereignisse und ich komme nicht dazu, den Tod eines unfassbar wichtigen Menschen in meinem Leben, zu verarbeiten.

Und genau das ist symptomatisch für mein Leben: Ich komme nicht dazu Dinge zu verarbeiten, die mich verletzen. Die mich eigentlich aus der Bahn werfen müssten. Ich neige dazu einfach weiter zu machen.

Genau jetzt. Versuche ich das zu unterbrechen.

Früher

Als ich noch deutlich jünger und unwesentlich kleiner war, dachte ich immer, alles über achtundzwanzig wäre alt und jede Person über 39 müsste furchtbar weise sein und einfach Alles wissen. Ich verknüpfte „alt und weise“ mit „angekommen“ zu sein.

Heute …

… bin ich selber 40 und immer noch unsicher. So unfassbar viel weiß ich – oder meine es zu wissen – gleichzeitig fühle ich mich immer noch nicht angekommen. Ich frage mich, ob dieser erstrebenswerte Zustand jemals eintreffen wird. Oder ob es „normal“ ist, dass mein Leben nicht wie im Bilderbuch verläuft. Dass ich mir Lebensabschnittsfreunde und -partner aussuche, die mich so sehr fordern, dass ich keinen Atem finde mich mit mir selber zu beschäftigen. Dass ich immer wieder auf bessere Redner als Zuhörende stoße.

Schon immer kannte ich „diese Art“ von Menschen, deren Leben und Wohnung du betrittst und alles scheint perfekt zu sein. Diese Art von Leben und Wohnungen, die ausstrahlen „ICH habe mich und meinen Stil gefunden“. Bewohnt von Menschen, die ausstrahlen, dass sie genau dort sind, wo sie sein wollen. Bin ich die Einzige Vierzigjährige, die das immer noch nicht genau weiß? Wo bin ich, wo genau stehe ich und bin ich da wo ich hinwill? Wohin will ich überhaupt?

Es ist bereits viel zu spät (01:17 Uhr). Ich sitze in „meinem Reich“, welches sich kaum als mein Reich anfühlt, da ich mehr mit anderen (Be)Reichen beschäftigt bin, als mit meinen eigenen. Ich trage eine viel zu große Kuscheljacke (sie gehörtE meinem Opa), die sich sehr schwer anfühlt. Ein riesengroßer Norwegerpulli mit Reißverschluss.

Ich frage mich warum er sich so schwer anfühlt… Liegt es nur am Material? Oder daran, dass er von einem Mann ausgefüllt wurde, den ich sehr liebte und noch mehr respektierte? Oder daran, dass er mir das Leben vorlebte, das ich vielleicht niemals erreichen werde?

Vermächtnis

Mein Opa hieß Ernst. Wenn er „böse“ war Erst-Günther. Und er teilte 61 Jahre lang das Bett mit meiner Oma. Solange ich lebe lebten sie in DER einen gemütlichen, liebevoll eingerichteten Wohnung. Er hat nicht alles richtig gemacht, aber er hinterlässt eine – heute sehr traurige – Ehefrau, meine Oma. Ernst hinterließ ebenfalls zwei Kinder, vier Enkel und zwei Urenkelkinder.

Ich bin seine älteste Enkeltochter und ihm war bis zuletzt unfassbar wichtig, dass ich ankomme.

Sicherheit

Opa pflegte zu sagen: „Sicherheit fängt bei dir selber an“.

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