Fehlkauf

Letzten Mittwoch war die Beerdigung meines Opas. Endlich. Nach fast acht Wochen Durchhalten in einer ermüdenden sowie verstörenden Parallelwelt. Im Irgendwo geparkt, zwischen Funktionieren, unterdrückter Trauer, Verdrängung und verschobenen Abschied.

Typisch für Michaela Prokrastination W. aus D. beschäftigte ich mich erst einen Abend vor dem Abschiedsdatum mit Fragen wie „Wo muss ich wann sein, wie komme ich hin und – tadddaaaaa – was ziehe ich an?“. Letzteres ist vermutlich eine der unnützesten Fragen, die man sich in einer solchen Situation stellen kann. Mich überrascht es aber nicht mehr, dass es verquere Fragen gibt, mit denen man sich in den unmöglichsten Situationen beschäftigen muss.

Vor einigen Monaten war ich mit einer Freundin essen. Im Anschluss trieb uns ein allseits bekannter Konsumtrieb in einen dieser Musst-Du-unbedingt-haben-Tempel. Und ehe du dich versiehst, zückst du die Plastikkarte, obwohl du dir schon tausendmal vorgenommen hast nur bar zu zahlen und katapultierst dich in den Besitzerstatus mehrerer Kleidungsstücke, von denen du – rückblickend betrachtet – nur eins wirklich magst. Und das war ein erfolgreicher Schnitt. Ich kaufte mir unter anderem ein schwarzes Kleid, bildete mir ein es sei zauberhaft, probierte es Zuhause erneut an und fragte mich: „welcher Teufel hat dich hier geritten?“. Noch mit Preisschild versehen landete es ungeliebt auf der Abstellkleiderstange.

Letzten Dienstag – wir sind zurück bei der Beerdigungskleiderfrage – fiel mir mein schwarzer Fehlkauf ein. Und ich entschied innerhalb weniger Sekunden, dass genau dieses schwarze Kleid perfekt für die Beerdigung meines Opas ist. Und so war es.

Entscheidung

Es drängt sich mir die Frage auf, warum in dem Wort Entscheidung das Wort Scheidung* steckt.

Scheidung = Trennung

vs.

Entscheidung = Auswahl

Gedankenschmalz von Michaela W. aus D.

Ich muss an den Film „Butterfly Effect“ denken, den ich wirklich großartig finde. Hier geht es um nichts anderes: Jede Entscheidung hat Folgen, manchmal gravierende Folgen. Mit jeder Entscheidung die man trifft, wird der weitere Verlauf der nächsten Sekunden, Tage, und Wochen beeinflusst; manchmal der weitere Verlauf deines gesamten Lebens. In der Sekunde deiner Auswahl (Entscheidung) trennst du dich von möglichen Alternativen (Scheidung).

(*Randbemerkung – „Geschieden“ ist übrigens mein Status; „Entschieden“ würde mir besser gefallen).

Fehl-ent-scheidungen

Ich halte rein gar nichts von Bereuen.

Immer wieder in meinem Leben – insbesondere in den letzten Jahren – habe ich Entscheidungen getroffen. Entscheidungen, die den Verlauf meines weiteren Lebens beeinflusst haben. Und wir sind hier nicht mehr bei Konsumentscheidungen. Ich bin nun bei Beziehungen angelangt. Bei Menschen, die in mein Leben getreten sind und für die ich mich entschieden habe. Mit denen ich eine Beziehung einging, auf welcher Ebene (platonisch, freundschaftlich, Beziehung, körperlich) spielt weniger eine Rolle.

Irgendwann, nach einem reflektierten Prozess, stellte ich fest, dass eine neue Entscheidung zu treffen ist. Und diese Entscheidung uferte leider manchmal in einer Trennung von meiner ursprünglichen Entscheidung.

Trennungen tun immer weh. Die schmerzlichste von Allen ist die endgültige Trennung – die durch den Tod eines geliebten Menschen verursachte Trennung.

Auch die Trennung von Freunden, Lieblingsmenschen und einem Partner schmerzt gewaltig. Selbst wenn sie aus guten Gründen unausweichlich war. Ich möchte nichts bereuen, denn es gab immer einen triftigen Grund sich dafür zu entscheiden, dass man für einen Menschen Platz in seinem Leben und in seinem Herzen findet. Ich habe mich von einer Entscheidung getrennt, erinnere mich jedoch sehr gerne an die Gründe für die Entscheidung und an die gemeinsame Zeit.

Und irgendwie macht mir mein schwarzer Fehlkauf Hoffnung. Vielleicht wandelt sich irgendwann auch eine Trennung wieder in einen perfekten Moment. Daran möchte ich festhalten. Denn wer einmal Teil meines Lebens wurde, wird immer ein Teil von mir bleiben.

Vor wenigen Wochen habe ich einen tollen Text von Dietrich Bonhoeffer auf einer Trauerkarte gefunden. Dieser passt zum Abschied von meinem Opa und zum Abschied von meiner Beziehung:

Dankbarkeit. Es gibt nichts was uns die Abwesenheit eines lieben Menschen ersetzen kann, und man soll das auch gar nicht versuchen. Man muss es einfach aushalten und durchhalten. Das klingt zunächst sehr hart, aber es ist doch zugleich auch ein großer Trost, denn indem die Lücke wirklich unausgefüllt bleibt, bleibt man durch sie miteinander verbunden. Je schöner und voller die Erinnerung, desto schwerer die Trennung. Aber die Dankbarkeit verwandelt die Qual der Erinnerung in Freude.“

Dietrich Bonhoeffer

Dankbare Grüße von Michaela W. aus D.

1 Kommentar

  1. Liebe Michaela

    Ein sehr guter Text zum Thema Entscheidungen und Trennungen

    Ich kann das gefühlsmäßig alles sehr gut nachvollziehen und immer hat das alles natürlich mit loslassen zu tun

    Danke für diesen Text und dir noch einen angenehmen und frohen Tag

    Jochen

    Gefällt 2 Personen

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