Dünenbett meets Wahlentscheidung

Ganz gleich ob morgens, mittags oder abends: Der Blick in den Spiegel lässt mich irritiert in das Gesicht einer müden Frau blicken, die mir, ebenso irritiert, entgegenblickt. Wir brauchen ein paar Sekunden um uns einzugestehen, dass wir einfach aussehen, wie wir uns fühlen. Müde. Und keine fünfundzwanzig Jahre alt mehr.

Ich denke „Gott sei Dank bist du alleine hier, so musst du niemanden mit diesem Anblick konfrontieren“. Bei dem Gedanken muss ich fürchterlich lachen. Wieso beschäftige ich mich hier und jetzt mit der Frage, was andere denken würden.

Und die müde Frau im Spiegel lacht mit.

Inkognito-Modus

Wenn ich in den letzten Wochen und Tagen davon gesprochen habe, dass ich alleine in den Urlaub fahre, waren einige irritiert. Es scheint nicht sehr in Mode zu sein, etwas alleine zu unternehmen. Mit der Tatsache werde ich auch Zuhause immer mal wieder konfrontiert. Klopfe ich in einem Restaurant mit der Frage an, ob es noch einen freien Tisch für mich gibt, ist die übliche Gegenfrage: „Für Sie alleine?“. Und es klingt nach „Wirklich? Für Sie alleine?“.

Es ist somit kein Wunder, dass einige Menschen ebenso verwundert auf meinen Urlaub – alleine – reagieren. Als ich am Freitag in mein Apartment hier in Katwijk eincheckte, begrüßte mich ein äußerst freundlicher Herr mit wichtigen Informationen zur Unterkunft und mit einer finalen, bar zu zahlenden Kurtaxe-Rechnung und den Schlüsseln für mein vorübergehendes Zuhause. Ich fragte ihn, ob ich beide Schlüsselanhänger benötige. Sichtlich irritiert wurde mir erklärt, er sei davon ausgegangen ich käme zu zweit. Anstatt ihn daran zu erinnern, dass ich in meiner Buchung angegeben habe alleine anzureisen, lächelte ich nur und sagte:“ ich brauche nur einen Schlüsselbund“. Und er wiederum reduzierte umgehend die Kurtaxe um die Hälfte des Betrags.

Seither habe ich hier vor Ort mit niemandem gesprochen. Wer mich kennt weiß, dass ich mit Leichtigkeit mit Menschen, auch mit Fremden, in Kontakt treten kann. Hier schmettere ich jegliche Kontaktknüpfungsversuche ab, bin dankbar für meine Inkognito-Sonnenbrille und suche mir die ruhigsten, verlassensten Orte, die ich finden kann.

Gestern bin ich am Strand entlang nach Nordwijk gelaufen, habe dort eine Pause gemacht und mich für den Rückweg entschlossen durch die Dünen zu wandern. Offensichtlich war ich die Einzige, die sich dort aufhielt, und die ohrenbetäubende Stille im Nirgendwo bewegte mich dazu, eine Pause einzulegen. Innerhalb weniger Minuten schlief ich ein, gebettet in den Dünen, gewärmt von der Sonne und dem Sand. Nach einer Stunde wachte ich wieder auf, hatte Schmerzen im Gesicht vom Reißverschluss meiner Jacke, auf die ich mich gelegt habe, und musste wieder lachen bei dem Gedanken, dass ich nun noch für Stunden mit den Reißverschlussspuren im Gesicht herumlaufen werde.

Abends kochte ich mit riesen Freude Spaghetti aglio e olio und nutzte deutlich mehr Knoblauch als sonst. Ich will sowieso niemandem nahe kommen.

Stimmabgabe

Unzählige Male wurde ich gefragt, ob ich denn bloß gewählt habe. Ja, das habe ich. Und der heutige Tag steht unter dem Motto Superwahlsonntag.

Mein Urlaub steht unter dem Motto Superwahlwoche. Ich bin mit ein paar Themen und Fragen hierher gekommen, die sich bereits jetzt nach und nach beantworten. Mir geht es sehr gut hier, selbst wenn, dank all der Ruhe und Einsamkeit, das ein oder andere Thema, die ein oder andere Wunde, zutage kommt. Das ist gut so.

Meine bisher wichtigsten Erkenntnisse sind:

Im Alltag achte ich nicht ausreichend auf meinen Biorhythmus. Ich schlafe zu wenig.

Mein Töchterchen wird bald ausziehen, somit musste ich für mich die Frage bearbeiten, was dann mit mir passiert. Fakt ist: Ich werde umziehen. In eine Wohnung mit Balkon.

Und: Beim vielen Grübeln hier ist mir aufgefallen, dass ich in den letzten Jahren zu sehr auf die Belange/Befindlichkeiten/Lebensentwürfe meiner Lebensabschnittsgefährten geachtet habe. Jedes Mal war ich diejenige, die sich an den anderen angepasst hat. Ich sollte anfangen – nicht nur am Superwahlsonntag – meine Stimme abzugeben.

Meine zauberhaftete Tochter hat mir gestern ein Lied geschickt, welches im in diesem Block verknüpfen werde. Sie schickte es mir mit den Worten, dass sie denke, es könnte zu mir und zu meinem Urlaub passen. Und sie hat so recht. Und es rührt mich über alle Maßen, dass mein Töchterchen das erkennt.

Mehr und mehr erholte Grüße

Michaela W. aus D.

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